Felix Aderca: Die Unterwasserstädte (1937, 140 Seiten)

Felix Aderca: Die Unterwasserstädte (1937,140 Seiten)

Bei Adercas „Unterwasserstädte“ handelt es sich laut Einband um einen Klassiker aus dem Jahr 1932, der ursprünglich als Zeitungsserie veröffentlicht wurde. Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob man es heute noch als reine Science Fiction bezeichnen würde. Dystopie trifft es wohl eher!

Die Bewohner der Erde mussten in die Meere flüchten, da die Strahlkraft der Sonne inzwischen stark nachgelassen hat und die Oberfläche der Erde mehr und mehr zufriert. Nur noch am Äquator ist ein schmaler Streifen eisfrei. Das bereits Jahrtausende währende Leben unter Wasser spiegelt sich inzwischen jedoch auch in den Menschen selbst wieder. Es gibt vier große Unterwasserstädte. Die Bewohner drei dieser Städte sind kalkweiss, besitzen keine Augenlider mehr und in der Regel auch keine Behaarung. Die Menschen in der dritten Stadt gleichen noch weitestgehend unseren heutigen Erdenmenschen. Es scheint sich um Schwarze zu handeln, die schwere körperliche Arbeit leisten müssen, um der Menschheit die Rohstoffe zu liefern, die sie für ihre Existenz benötigt. Dies sind auch die einzigen Menschen, die Probleme haben, sich nur von Duftessenzen zu ernähren.

Durch die alles andere als optimalen Lebensbedingungen hat sich auch die übrige Physiognomie verändert. Die Menschen erreichen maximal noch das 40. Lebensjahr, Tendenz schwindend. Es kommt zu immer mehr extremen Frühgeburten, die Frauen sind aber auch weit früher geschlechtsreif. Die Extremitäten der Menschen sind in der Regel verkürzt und die Körper sind eher tropfenförmig und kurz. Auch die körperliche Leistungsfähigkeit hat stark abgenommen. Es handelt sich um eine unaufgeregte Gesellschaft, bei der klar geregelt und akzeptiert ist, was jeder zu tun und zu lassen hat. Musik und Theater genießen ein hohes Ansehen und werden täglich genutzt. Berichtet wird ferner, das die Menschen in Schichten von 5 Stunden arbeiten und die Todesraten pro Schicht bei ca. 10% liegt. Dabei bleibt offen, ob die Chance genutzt wird, selbst aus dem Leben zu scheiden oder ob ein normales Ableben eintritt, denn die vorherrschende Dunkelheit setzt vielen zu.

Da die gesamte Situation quasi von Tag zu Tag im Hinblick das Fortbestehen der Menschheit schlechter wird, der amtierende Präsident auch noch stirbt und das Bestimmen seiner Nachfolge aufgrund der akuten Probleme ins Stocken gerät, eskaliert die Situation. Niemand der Führunsriege ist bereit, die Verantwortung für die Menschheit zu übernehmen. Jeder widmet sich am liebsten seinen ganz privaten Aktivitäten, die durchaus auch einen hohen Nutzen für die Menschen besitzen. Einem gewissen Druck vermag jedoch niemand mehr Stand zu halten und so gibt es, als der Tod des Präsidenten verkündet wird auch sogleich den ersten Selbstmord in der Führungsriege. Dies ist in sofern ein rechtes Desaster, da die Führung in der Tat aus den besten und qualifiziertesten Experten für bestimmte Dinge (Nahrung, Bau und Instandhaltung der Städte, Abbau der Rohstoffe etc.) besteht. Jeder wird wirklich benötigt. Der Tod eines einzelnen verschiebt die Last zusätzlich auf die Verbleibenden. Dabei scheint die Bevölkerung grundsätzlich auch kein Interesse zu haben, in die Führungsetage aufzusteigen.

Das Präsidialamt wird dennoch zum Teil vererbt, denn der neue Präsident heiratet immer die Tochter des verstorbenen Präsidenten. Aber auch dies ist nicht so einfach wie es sich anhört, da die Tochter in der Regel eine Halb-Marianin ist und dementsprechend alte Gewohnheiten unserer heutigen Erdenmenschen mitbringt, zugleich jedoch ebenso „stupide“ ist, wie die restlichen Bewohner. Grundsätzlich haben wir es außerdem mit einer patriarchalen Gesellschaft zu tun, was von allen akzeptiert und für Gut befunden wird.

Während der Phase, in der der ein amtierender Präsident fehlt, spitzt sich die Lage der Menschheit zu. Einerseits strahlt die Sonne jedes Jahr ein wenig weniger, so dass kaum noch Energie aus den Wellenbewegungen der Ozeane gezogen werden kann. Dies ist generell ohnehin nur im Sommer möglich, wo die Eisschicht sich zurückzieht. Im Winter lebt die Menschheit von der in Akkumulatoren eingespeicherten Energie. Es steht in jedem Jahr immer weniger Energie zur Verüfung. Die obersten Etagen der bis zu 80 Etagen umfassenden Unterwasserstädte frieren bereits ein und sind unbewohnbar geworden. Insgesamt ist auch die Körpertemperatur der Menschen inzwischen auf ca. 25 Grad abgesunken.

Schließlich wird die Energieknappheit so groß, dass etwas getan werden muss. Grundsätzlich stehen zwei Optionen zur Verfügung. Entweder man schafft es noch rechtszeitig, den heißen Erdkern anzuboren oder aber, man schafft es, einen neuen Planeten zu finden, auf dem die Menschheit weiterleben kann. Keines der beiden Projekte wurde bisher jedoch wirklich angedacht, dafür war die Lethargie zu groß und das Leben zu beschaulich und zu akzeptiert. Fast alle sind der Ansicht, alles solle einfach so bleiben wie es schon immer war. Sie führen ein „gutes Leben“, warum also etwas ändern?

Erst als die Führungsriege in Betracht zieht, die Menschheit durch das Ersäufen einzelner Städte zu dezimieren, werden die Menschen hellhörig. Es kommt zu einer gigantischen Kraftanstrengung, die darauf abzielt, den heißen Erdkern anzuzapfen. Dabei wird klar, dass die „neuen Menschen“ keine ausreichende Hilfe sind, da ihre Körper keine schwere Arbeit – hier den Bau einer neuen Erdkern-nahen Stadt – mehr leisten können. Die Marianen erweisen sich hier als letzter Ausweg. Sie leisten die Mehrheit der Arbeit. Um die „neuen Menschen“ zu schonen, werden diese z.B. mit weniger Stunden am Bau beteiligt.

Die Option, in den Weltraum zu entfliehen, wird durch eine kleinere Intrige, die zu allererst auf einer persönlichen Animosität der Präsidententochter und ihrer besten Freundin fusst, vereitelt. Aber der geneigte Leser erkennt sehr schnell, dass der Weltraum per se keine Rettung bieten wird, denn das einzige Raumschiff ist nur für zwei Menschen überhaupt ausgelegt. Expertise ist schlicht nicht vorhanden, da diese Option stets nur als private Spinnerei eines einzelnen Führungsmitglieds der Marianen erachtet wurde, auf das zudem die Präsidententochter ein Auge geworfen hatte, da ihr Vater mit der Idee zumindest sympathisierte und auch begonnen hatte, eine neue Energiequelle hierfür zu entwickeln.

Die Lage spitzt sich weiter zu. Die Menschen sterben wie die Fliegen und um Energie zu sparen, werden zuerst zwei der drei Städte mit „neuen Menschen“ überschwemmt, nachdem deren Einwohner zuvor in die neue Stadt Formosa übergesiedelt wurden. Kurze Zeit später trifft es auch die dritte Stadt, welches die Hauptstadt ist. Sie wird jedoch nicht zerstört, sondern vom Untergrund gelöst. Folglich steigt die Stadt im Meer auf und friert im Bereich unter der breits erstarrten Oberfläche ein und ist damit ebenfalls verloren. So existieren nur noch die Stadt Mariana, in der die Erze vulkannah abgebaut werden und die neue Erdkern-nahe Stadt Formosa. Die „neuen Menschen“ sind bereits sämtlich nach Formosa umgesiedelt, die Marianen kehren weiterhin in ihre eigene Stadt nach getaner Arbeit zurück, da Formasa auch noch nicht vollständig fertig gestellt ist.

Da entschliest sich die Führungsriege zu einem drastischen Schritt. Um die „neuen Menschen“ bei begrenzten Ressourcen zu retten, verfügt man den Untergang von Mariana – sobald alle Marianer nach der Schicht wieder in ihre Stadt zurückgekehrt sind. Diese nach unserem heutigen Menschen bestehende Teil der Bevölkerung arbeitet zwar mehr, aber verbraucht auch viel mehr Nahrung und damit Energie als die übrige Bevölkerung. Formosa steht kurz vor der Vollendung. Da sind die Marianen verzichtbar und können ersäuft werden.

Endlich wachen die Marianen auf und Erheben sich zum Wiederstand. Zeitgleich ist auch ihr Führungsmitglied, welches die Weltraummission verfolgt, wieder mit im Boot und die Präsidententochter Olivia sucht den erneuten Kontakt mit ihm. Die Marianen erobern Formosa, das Führungsmitglied verabschiedet sich mit der Präsidententochter in den Weltraum.

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Das ist eine sehr krasse Geschichte! Trübsinnige Charaktere sollten die Geschichte besser gar nicht erst lesen. Das Happy Ending ist letztlich keins. Die Menschen alten Schlages ermorden die Mehrheit der Menschen neuen Schlages. Sie leben jetzt nahe dem noch heißen Erdkern. Gleichzeitig fliegen zwei Menschen in den Weltraum ohne die geringste Erfahrung damit zu haben. Beide Projekte sind über eher Kurz als Lang zum Scheitern verurteilt. Sehr krass.

Das Erdwesen fragt sich, was alles der Autor uns damit erzählen will?

Es gibt Intoleranz und diese bringt nie Gutes hervor. Es gibt technischen Fortschritt, aber allein diesem zu Folgen bringt auch nie Gutes hervor. Doch vor allem: Gutes kann nur gelingen, wenn man existierende Probleme frühzeitig analysiert und aus der Welt schafft! Sonst kann man zum Schluss nicht mehr handeln, sondern nur noch Reagieren und Reagieren allein rettet letzlich nicht die Menschheit.

Auf dem Spaceship, welches die beiden Menschen ins All befördert kennzeichnet ein großes X. Space X https://www.spacex.com/ also! – Ehrlich? Wenn man nun weiß, dass das Unternehmen von Elon Musk womöglich auf dieses Buch zurückgeht, dann wird mir so richtig schlecht. Wir dürfen annehmen, zu gegebener Zeit einfach ausgelöscht zu werden, wenn wir nicht mehr gebraucht werden und Space X endet als schlichte Verschwendung begrenzter Ressourcen. Das nenne ich mal Dystopie :-(

Über Erdwesen

Erdwesen ist ein Erdwesen! Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Erdwesen schreibt aber auch noch in einer Reihe von anderen Foren und es gibt auch Foren, in denen sie sich so unbeliebt gemacht hat, dass sie dort heute besser nicht mehr schreibt.
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